Vom Pubertier zum Musterschüler

Das Pubertier lebt!

Da sitzt er nun, schaut ganz verstohlen nach rechts und beobachtet seine Umgebung. In dieser ruhigen Position zu verharren scheint häufig unmöglich. Da sind doch so viele Verlockungen. Es riecht so gut. Nach Wildschwein, Reh und anderen Hunden. Jeder Baum, jede Erhöhung wird markiert. Auf den eigenen Namen hören ist gerade auch total uncool. Woran erkennt man also, ob der eigene Hund gerade mitten in der Pubertät steckt? 
  1. Kommandos werden nicht mehr ausgeführt.
  2. Jeder andere Mensch ist interessanter, als man selbst. 
  3. Rückruf ist ein Fremdwort und wird mit Freilauf verwechselt.
  4. Der letzte Woche noch beste Hundefreund mutiert zum Todfeind, denn nun wird sich um läufige Hündinnen gestritten.
Aber das muss so nicht sein.

Nehmen wir als Beispiel den 8 Monate alten Rauhaarteckel:

Er war immer ein Musterschüler. Früh konnte er die Grundkommandos aus dem FF. Er war sehr gelehrig, ging frei bei Fuß und verträglich mit jedem Hund und Mensch. Markierverhalten war kein Thema und die Wildtiere total uninteressant. 

Es dauerte jedoch nicht mehr lange und es kam wie es kommen musste. Das Signal "Sitz" wurde nur noch halbherzig und mit wenig Interesse am Hundehalter ausgeführt. Es kam sogar dazu, dass in ruhigen Umgebungen kein "Sitz" mehr ausgeführt wurde. Die geliebten Belohnungsleckerchen wurden verschmäht und die Nase des Junghundes war mehr am Boden als in der Luft.

 

Was war passiert?

 

Die Pubertierenden zeigen mehr Selbstständigkeit, sie nabeln sich ab. Gelerntes wird durch Selbstlernprozesse ausprobiert und verfeinert. Denn mit der hormonellen Reife setzt zeitgleich die geistige Ausreifung ein. Die Pubertätsphase ist jedoch lang genug, um die Entwicklung des Hundes weitsichtig zu beeinflussen

Bei Fehlverhalten des Hundes sollte der Mensch nicht mit Bestrafung reagieren. Seitens des Hundes handelt sich eher um ein »nicht können« als um ein »nicht wollen«. Das erzieherische Vorgehen des Hundebesitzers ist in der Pubertätsphase eine Gratwanderung von Ignoranz, Toleranz und Konsequenz. Bei Junghunden, die eine eindeutige Abnabelung vom Menschen zeigen, können hin und wieder Aufgaben gestellt werden, die der Hund nur mit Hilfe seiner Menschen lösen kann. Lehnt der Hund eine kooperative Arbeit ab, ist es seine Entscheidung. Übungen werden unfertig beendet, der Hund bekommt eine Auszeit. Nach einer Pause, die von Minuten bis Stunden gehen kann, wird die gleiche Übung erneut angeboten. Entscheidet der Hund immer noch, dass er nicht gewillt ist mitzuarbeiten, darf er für den Rest des Tages ruhen. Er bekommt kein alternatives Beschäftigungsprogramm angeboten. 

Eine Auszeit zeigt dem Hund, dass nicht er die Spielregeln aufstellt, sondern sein Mensch.

Hunde, die es gelernt haben, dass ihre Menschen sich ausgiebig mit ihnen Beschäftigen, genießen die Aufmerksamkeit ihrer Sozialpartner. Lehnen sie eine gemeinsame Beschäftigung ab, lernen sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung kennen. Wichtig dabei ist, dass der Mensch die Möglichkeiten seines Hundes einschätzen kann. Er sollte erkennen können, mit welcher Begründung der Hund eine kooperative Arbeit ablehnt. Ist es das Umfeld, was ihn stört? Ist die Aufgabe zu einfach oder zu schwer? Sorgt ein Hormonschub für mangelnde Aufmerksamkeit? Findet der Mensch eine plausible Begründung, kann er seinem Hund eine Übung anbieten,  bei der er weiß, dass sein Hund die ausführen kann. Beispielsweise ein Abschalttraining oder eine Übung im sicheren Garten. So bleibt die Freude an der gemeinsamen Beschäftigung erhalten.

Einen pubertierenden Hund dazu zu zwingen, die Anweisung seinen Menschen zu befolgen, ist nur selten von Erfolg gekrönt.

Der Mensch lässt sich auf eine Diskussion mit seinem Hund ein, von der er den Ausgang nicht kennt. Doch mit Teenagern zu diskutieren ist nervenaufreibend. Bevor der Mensch sich über seinen Hund ärgert, sollte er versuchen Verständnis für seinen pubertierenden Hund aufzubringen.

 

Der Hundebesitzer sollte in der Pubertätsphase seinem eingeschlagenen Weg treu bleiben. Bei den Übungen wird mehr auf Qualität denn auf Quantität gesetzt, um bereits Erlerntes zu festigen. Zudem sollte er zubilligen, dass sein Hund sich durch die Hormonschübe selbst neu kennenlernt. Die Pubertätsphase ist auch für den Hund eine Zeit der Veränderung. Sein Verhalten, gleich welcher Art, dient keinesfalls dazu, seinen Menschen in Missstimmung zu bringen.

 

Bleibt der Hundehalter einfühlsam aber konsequent, zeigt er Vorbildverhalten und lässt sich nicht auf Diskussionen ein, ist auch die Pubertät zu meistern.